Als die Stimme aus dem Radio Geschichte schrieb
Am 1. August 1926 ging in Dänemark etwas auf Sendung, das bis heute zum Alltag gehört: die Radioavisen. Seit bald einem Jahrhundert informiert die Nachrichtensendung die Dänen darüber, was in der Welt geschieht. 1,7 Millionen Menschen hören an Werktagen mindestens eine Ausgabe – sie ist damit mehr als ein Medienprogramm, sie ist ein nationales Ritual.
Die Geschichte der Radioavisen beginnt allerdings schon früher. 1922 experimentierten Radioklubs mit ersten Sendeversuchen, Zeitungen wie Politiken und Berlingske Tidende waren beteiligt. Im Juni 1923 kündigte Redakteur Svend Carstensen während einer Musiksendung spontan an: „Her kommer Radioavisen“ – und las Neuigkeiten über einen Bankenskandal vor. Das war nicht geplant, aber es war geboren: die Idee einer regelmäßigen Radionachricht.
1925 übernahm der Staat den Rundfunk, doch die Zeitungen produzierten weiterhin die Nachrichten. Erst am 1. August 1926 startete die erste offizielle Ausgabe von „Pressens Radioavis“ unter der Regie von Statsradiofonien. Bis 1964 blieb die Produktion in den Händen der Tageszeitungen, dann übernahm Danmarks Radio die volle Verantwortung.
Die Stimme in Krisenzeiten
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Radioavisen zur zensierten Stimme unter deutscher Besatzung. Was gesendet wurde, musste von den Besatzern genehmigt werden. Die Redaktion wehrte sich: Sie legte die Arbeit nieder, das Radiohaus wurde zeitweise verlassen. Die Nachrichtensendung wurde zum stillen Symbol für Widerstand – durch das, was sie nicht sagte.
Später berichtete die Radioavisen von Momenten, die Generationen prägten: die Mondlandung 1969, der Fall der Berliner Mauer 1989, die Anschläge vom 11. September 2001, die Flüchtlingskrise, die Coronapandemie. Immer war sie da, sachlich, ruhig, verlässlich. Sie erklärt nicht die Welt – sie berichtet, was geschieht.
Tägliches Ritual für 1,7 Millionen
Heute wird die Radioavisen stündlich auf mehreren Kanälen gesendet: P1, P2, P4, P5, P6 und P8. Die 8-Uhr-Sendung an Werktagen erreicht im Schnitt mehr als 400.000 Hörerinnen und Hörer. Wer eine Sendung verpasst, kann sie jederzeit in der DR LYD-App nachhören.
Was die Radioavisen ausmacht, ist nicht Dramatik oder Kommentar. Es ist die klare Sprache, die Nüchternheit, das Vertrauen. Sie hat sich durch ein Jahrhundert bewährt – in Krisen, in Freude, im Wandel. Sie gehört zu Dänemark wie Smørrebrød und rotes Ziegeldach. Zum 100. Geburtstag blickt das Land auf eine Stimme zurück, die einfach immer da war.
Bild: Moahim, Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
