|

Wenn Kinderträume auf alte Mauern treffen

In den Straßen von Køge, zwischen Fachwerkhäusern und Kopfsteinpflaster, entsteht gerade etwas Ungewöhnliches: Fast tausend Kinder aus der Stadt schreiben ihre Träume und Hoffnungen auf Ziegel, die schon mehrere hundert Jahre auf dem Buckel haben. Was zunächst wie ein pädagogisches Bastelprojekt klingen mag, ist tatsächlich ein durchdachtes Kunstwerk, das Vergangenheit und Zukunft miteinander ins Gespräch bringt.

Steine mit Biografie

Der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama hat für sein Werk „Labyrinth“ keine gewöhnlichen Baumaterialien ausgewählt. Die Ziegel stammen aus Gebäuden, die Dänemarks Geschichte geprägt haben: Schloss Frederiksborg, das Kloster Vor Frue, das ehemalige Vestre Fængsel, das Naturhistorische Museum und das frühere Schulgebäude, in dem heute das MAPS Museum untergebracht ist. Jeder dieser Orte steht für etwas – Macht, Glaube, Recht, Bildung. Mahama, international bekannt für seine monumentalen Installationen aus recycelten Materialien, lässt diese stummen Zeugen der Vergangenheit nun zu Trägern von Zukunftsvisionen werden.

Die Idee dahinter ist so einfach wie kraftvoll: Was haben Kinder zu sagen, wenn man ihnen Material in die Hand gibt, das älter ist als ihre Großeltern? Wie fühlt es sich an, die eigenen Träume auf etwas zu schreiben, das schon so viel gesehen hat? Rund 5.000 Kinder und ihre Familien aus Køge sind eingeladen, bei der Materialsammlung mitzuwirken. Hundert von ihnen arbeiten später direkt mit Mahama und seinem Team in Workshops zusammen.

Kunst im öffentlichen Raum – mit Bodenhaftung

Das MAPS Museum in Køge ist der einzige Ort in Dänemark, der sich ausschließlich auf Kunst im öffentlichen Raum konzentriert. Mit über 18.000 Werken, Skizzen und Archivalien dokumentiert das Museum, wie Kunst außerhalb von Galeriewänden funktioniert – und wirkt. Das Projekt mit Ibrahim Mahama ist Teil der neuen Reihe „Tomorrow’s Public Art“, bei der es darum geht, nicht nur über Kunst nachzudenken, sondern sie gemeinsam zu gestalten.

Køge selbst bietet dafür die passende Kulisse. Die gut erhaltene Altstadt mit ihren schmalen Gassen und historischen Häusern ist ein Ort, an dem Geschichte sichtbar ist – nicht als museale Kulisse, sondern als lebendiger Teil des Alltags. Dass ausgerechnet hier Kinder mit Material aus bedeutenden dänischen Bauten arbeiten, ergibt Sinn: Sie lernen Geschichte nicht aus dem Lehrbuch, sondern indem sie sie anfassen, beschriften, neu ordnen.

Bis Jahresende zu sehen

Das fertige Kunstwerk „Labyrinth“ ist vom 12. Juni bis 31. Dezember 2026 im MAPS Museum zu erleben. Wer den Weg nach Køge findet, trifft dort auf eine Installation, die mehr ist als ein optischer Hingucker: Sie ist ein Archiv von Hoffnungen, eine begehbare Zeitschleife, in der alte Steine neue Geschichten erzählen. Und vielleicht auch eine leise Erinnerung daran, dass das, was wir heute bauen – ob aus Ziegeln oder Worten – irgendwann von anderen weitergetragen wird.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert