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Nationalpark Thy und Cold Hawaii: Dänemarks wilder Westen

Die jütländische Westküste zeigt ein Dänemark, das viele nicht erwarten: rau, weit, ungeschützt. Zwischen Agger Tange im Süden und Hanstholm im Norden erstreckt sich der Nationalpark Thy über 244 Quadratkilometer — Dänemarks erster Nationalpark, eingeweiht am 22. August 2008. Hier trifft Nordsee auf Dünenheide, Wind auf Sand, und im Herbst treffen sich Surfer aus aller Welt zu einem der härtesten Wettbewerbe Europas.

Der Park ist ein schmaler Gürtel entlang der Küste, 55 Kilometer lang, zwischen fünf und zwölf Kilometer breit. Was ihn besonders macht, ist nicht die Größe, sondern die Konzentration: Nirgendwo in Europa gibt es mehr atlantische Dünenheide auf einem Fleck. Hufeisenförmige Parabeldünen wechseln sich mit Dünentälern ab, dazwischen liegen über 200 Seen, mal klar, mal torfbraun. Die Landschaft ist das Ergebnis von Meer, Wind und Zeit — geformt ohne menschliche Planung.

Cold Hawaii: Wie Klitmøller zu seinem Namen kam

Mittendrin liegt Klitmøller, ein kleines Fischerdorf. Windsurfer, die hier Wellen wie auf Hawaii fanden, nur deutlich kälter, gaben der Küste den Namen Cold Hawaii. Der Name blieb. Heute steht Cold Hawaii für die ganze Küste rund um Klitmøller, Hanstholm und Vorupør.

Das Geheimnis liegt unter Wasser: Ein Kalksteinriff verläuft vom Kap weit in die Nordsee hinein. Es fängt die Atlantikwellen ab, organisiert sie und bietet bei südlichem Wind saubere Sideshore-Bedingungen. Was für Badeurlauber unwirtlich klingt, ist für Surfer perfekt. Seit 2010 ist Klitmøller regelmäßig Station des Windsurf-Weltcups, des Cold Hawaii PWA World Cup. Die Cold Hawaii Games im Spätsommer ziehen mittlerweile Tausende Besucher an — nicht trotz, sondern wegen der rauen Bedingungen.

Wandern zwischen Dünen und Seen

Wer nicht surft, kann laufen. Markierte Wanderwege durchziehen den Nationalpark, vom kurzen Spaziergang bis zur Tagestour. Der Park ist frei zugänglich, rund um die Uhr, ohne Eintritt. Die Wege führen durch Heide, über Dünen, an Seen vorbei, manchmal nah an der Brandung, manchmal ins Landesinnere. Die Vegetation ist schlicht: Heidekraut, Gräser, Sanddorn, vereinzelt Kiefern. Im Sommer blüht die Heide violett, im Herbst färbt sich das Gras bernsteinfarben, im Winter liegt der Sand grau unter tiefem Himmel.

Die Seen sind keine Badeseen im klassischen Sinn. Viele sind flach, von Schilf umgeben, Lebensraum für Vögel. Andere liegen tiefer in den Dünen, windgeschützt, still. Wer Ruhe sucht, findet sie hier — fernab von Kopenhagen, fernab von Hygge-Klischees, fernab von allem, was man gemeinhin unter dänischem Urlaubsidyll versteht.

Rothirsche und seltene Vögel: Das Wildreservat Hanstholm

Im Norden des Nationalparks liegt das Wildreservat Hanstholm, mit fast 40 Quadratkilometern die größte zusammenhängende Dünenheide Dänemarks. Das Reservat ist eines der wichtigsten Rothirschgebiete Dänemarks. Im Spätsommer ziehen die Tiere bisweilen in großen Rudeln durch das Dünengelände. Später, zur Brunftzeit im September und Oktober, teilt sich die Herde auf, wenn die dominanten Hirsche ihre Rudel sammeln und bewachen. An windstillen Abenden trägt das Röhren der Hirsche über die Heide — ein Klang, der an Urzeiten erinnert.

Vom Vogelturm in Sårup, im nordwestlichen Teil der Tved Klitplantage, überblickt man das Reservat. Im Frühjahr tanzen und trompeten Kraniche in den Feuchtgebieten, bevor sie sich auf ihren Brutplätzen niederlassen. Später im Sommer ziehen sie paarweise mit ihren Jungen umher. Seltene Brutvögel wie der Goldregenpfeifer, der nirgendwo sonst in Dänemark brütet, finden hier Lebensraum. Im Herbst rasten Tausende Kurzschnabelgänse auf ihrer Reise von Svalbard, dazu Grau- und Saatgänse in großen Schwärmen.

Der östliche Teil des Reservats ist ganzjährig gesperrt, um die Tiere zu schützen. Während der Brutzeit gilt das Betretungsverbot für nahezu das gesamte Gebiet; die genauen Zeiträume nennt der Nationalpark auf seiner Website. Wer Rothirsche und Vögel beobachten will, braucht Geduld, Fernglas und Respekt vor den Schutzbestimmungen. Die Anreise ins abgelegene Jütland gelingt am einfachsten mit dem Auto.

Ein Park ohne Dramatik

Der Nationalpark Thy inszeniert sich nicht. Die Infrastruktur bleibt zurückhaltend. Die Natur ist da, man geht hinein, man geht wieder raus. Die meisten Besucher kommen aus Dänemark selbst, viele kehren jedes Jahr zurück. Für Touristen aus dem Süden mag die Landschaft karg wirken. Für alle, die Weite ohne Ablenkung suchen, ist sie genau richtig.

Klitmøller hat sich verändert, seit Cold Hawaii berühmt wurde. Surfshops, Cafés, ein paar Übernachtungsmöglichkeiten mehr als früher. Trotzdem bleibt es ein Dorf, das vom Fischfang lebt und im Winter ruhig wird. Die Surfer kommen und gehen mit den Wellen. Was bleibt, ist die Küste — und die Gewissheit, dass es in Dänemark Orte gibt, die sich nicht an Erwartungen anpassen, sondern einfach sind, wie sie sind.

Bild: Slaunger, Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

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