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Sort Sol: Wenn Millionen Stare den Himmel verdunkeln

Kurz nach Sonnenuntergang färbt sich der Himmel über der Tøndermarsch schwarz. Nicht durch Wolken, sondern durch Hunderttausende Stare, die in ständig wechselnden Formationen über dem flachen Marschland kreisen. Sort Sol — Schwarze Sonne — nennen die Dänen dieses Phänomen, das zweimal im Jahr Vogelfreunde und Naturliebhaber in den äußersten Südwesten Jütlands zieht.

Die Vögel sammeln sich während ihrer Zugzeiten zwischen den Winterquartieren in Südeuropa und den Brutgebieten rund um die Ostsee. Was sie dabei am Himmel vollführen, erinnert an choreografierte Bewegungen: Die Schwärme dehnen sich aus, ziehen sich zusammen, formen Wellen und Wirbel. Binnen Sekunden verändert sich das Bild, und man fragt sich unwillkürlich, wie so viele Einzeltiere ohne erkennbare Abstimmung so präzise agieren können.

Frühjahr oder Herbst: Wann lohnt sich die Reise?

Sort Sol lässt sich zweimal im Jahr beobachten, aber die beiden Saisons unterscheiden sich deutlich. Im Frühjahr, etwa von Anfang März bis Anfang April, kehren die Stare aus dem Süden zurück. Die Schwärme sind dann bereits eindrucksvoll, aber nicht die Hauptattraktion.

Die eigentliche Hochsaison liegt im Herbst. Von Mitte September bis Mitte Oktober, manchmal bis in den November hinein, versammeln sich bis zu einer Million Stare in der Marsch. Die Brutpopulationen ziehen gemeinsam mit den mittlerweile ausgewachsenen Jungvögeln gen Süden, und die schiere Anzahl macht den Herbst zur spektakulärsten Zeit für Sort Sol.

Das Schauspiel beginnt um den Sonnenuntergang herum, wenn die Vögel von ihren Futterplätzen zu den gemeinsamen Schlafplätzen im Schilf zurückkehren. Kurz bevor sie sich für die Nacht niederlassen, formen die Schwärme die großen Muster am Himmel. Das dauert meist um die zwanzig Minuten und ist spätestens eine Stunde nach Sonnenuntergang vorbei. Wer vor Sonnenuntergang da ist, verpasst nichts.

Die Tøndermarsch: Wo Dänemarks größte Schwärme kreisen

Sort Sol gibt es an mehreren Stellen in Dänemark, aber die Tøndermarsken im Südwesten Sønderjyllands produzieren Jahr für Jahr die größten und eindrucksvollsten Schwärme. Das weitläufige Marschgebiet nahe der deutschen Grenze bietet den Staren ideale Bedingungen: offene Flächen zum Nahrungssuchen und ausgedehnte Schilfwälder als Schlafplätze.

Konkrete Beobachtungspunkte sind Margrethe Kog, ein zurückgewonnener Polder mit weitem Blick über die Marsch, das Rudbøl-Gebiet mit seinen Schilfwäldern und die Ballum Marschen mit mehreren Aussichtspunkten. Bewährte Treffpunkte sind außerdem Vidåslusen, die alte Højer Sluse und Emmerlev Klev — eine kleine Erhebung, die in der sonst völlig flachen Landschaft bereits einen Höhenunterschied macht.

Viele Besucher orientieren sich an den Parkplätzen, die während der Saison gut frequentiert sind. Wer gegen 16 oder 17 Uhr eintrifft, je nach Jahreszeit und Sonnenuntergang, findet sich meist in Gesellschaft anderer Naturbeobachter wieder. Die Atmosphäre ist ruhig, konzentriert, manchmal hört man das leise Klicken von Kameras — und dann das Rauschen der Schwärme, wenn sie nah über die Köpfe hinwegziehen.

Anreise und praktische Hinweise

Die Tøndermarsch liegt im äußersten Südwesten Jütlands, etwa 40 Kilometer südwestlich von Aabenraa und direkt an der deutschen Grenze. Von Flensburg sind es knapp 50 Kilometer. Die Anreise erfolgt mit dem Auto über die Autobahn E45 bis Kliplev, von dort auf der Landstraße 8 über Tinglev Richtung Tønder und dann in die Marsch hinein.

Wer mit dem Auto unterwegs ist, findet ausgeschilderte Parkplätze an den bekannten Beobachtungspunkten. Öffentliche Verkehrsmittel bringen einen bis Tønder, von dort braucht man allerdings ein Taxi oder Fahrrad, um zu den eigentlichen Aussichtspunkten zu gelangen. Die Infrastruktur ist ländlich, aber während der Sort-Sol-Saison auf Besucher eingestellt.

Was man mitbringen sollte: warme Kleidung, auch im Herbst. Die Marsch liegt offen zur Nordsee hin, der Wind kann scharf sein. Festes Schuhwerk ist sinnvoll, die Wege sind nicht immer befestigt. Ein Fernglas macht Details sichtbar, eine Kamera mit ordentlichem Zoom fängt die Formationen ein — wobei das menschliche Auge die Dynamik des Schauspiels besser erfasst als jede Linse.

Übernachtungen gibt es in Tønder selbst, einem kleinen Städtchen mit einigen Hotels und Pensionen, oder in den umliegenden Dörfern. Wer mehrere Abende einplant, erhöht seine Chancen auf perfekte Bedingungen — nicht jeder Abend bringt die gleiche Intensität, das Wetter und die Laune der Vögel spielen mit.

Sort Sol ist kein inszeniertes Event, sondern ein Naturereignis, das sich an biologische Rhythmen hält, nicht an menschliche Erwartungen. Manchmal ziehen die Schwärme direkt über den Beobachtungspunkt, manchmal bleiben sie in der Ferne. Manchmal tanzen sie minutenlang, manchmal verschwinden sie rasch im Schilf. Die Unvorhersehbarkeit gehört dazu, und vielleicht ist gerade das der Reiz: Man kommt nicht als Konsument einer Garantie-Attraktion, sondern als stiller Zeuge eines Vorgangs, der seit Jahrtausenden abläuft und sich um keine Kamera kümmert.

Bild: PtrQs, Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

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